Geschichte des Gospels

 

Geschichte des Gospels

Um die Geschichte des Gospel nachvollziehen zu können, muß man eine Zeitreise in das Amerika des 16. Jahrhunderts machen und sich mit der Entstehung der Spirituals befassen.

1619 trafen die ersten aus Afrika verschleppten Sklaven im amerikanischen Bundesstaat Virginia ein. Sie wurden auf den großen Tabak- und Baumwoll-Plantagen zur Zwangsarbeit eingesetzt. Diese Arbeit war hart, kleinste Vergehen wurden streng und brutal geahndet.

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Die tiefe Verwurzelung der christlichen Kirche in der weißen Bevölkerung erklärt die Skrupel, Christen als Sklaven zu halten. So erklärt sich auch, warum niemand auch nur das geringste Interesse hatte diese Menschen zu missionieren. Man hätte sie nicht mehr als Sklaven halten und einsetzen können. Diesem „Dilemma“ entkamen die Sklavenhalter durch ein Gesetz im Jahr 1667, welches festlegte, dass der Übertritt eines Sklaven zum Christentum an dessen sozialer Stellung nichts änderte. Die Leidensgeschichte Jesu berührte sie zunehmend. Für die Entstehung der Spirituals wichtig zu wissen ist, dass die Afrikaner selbstverständlich Dinge aus ihrer Heimat mitbrachten: ihre Überlieferungen, ihren Mehrgottglauben und die religiöse Ekstase.

So entstanden langsam eigenständige schwarze Kirchen und die afrikanische Religiosität vermischte sich mit der christlichen Lehre. Da Musik, Tanz und Gesang untrennbar mit dem afrikanischen Alltag verbunden war, wurde sie zu einem wichtigen Bestandteil der schwarzen Gottesdienste.

In der rhythmischen Zwiesprache des Predigers mit der Gemeinde entwickelten sich spontan Lieder, die einen Bibeltext als zentrales Element hatten. Diese Spirituals waren die Lieder, welche die Sklaven im Alltag sangen. Sie entstanden in freier Improvisation und wurden mündlich überliefert. Da der Tanz und das Trommeln von der weißen Bevölkerung als heidnisch angesehen und verboten wurden, entstand hier das bekannte Klatschen oder Stampfen.

In den rund 250 Jahren der Sklaverei wurden etwa 10 Millionen Schwarze nach Amerika verschleppt. Die weißen Besitzer mussten häufig in Furcht vor einem Aufstand oder der Flucht der Sklaven leben. Zwischen 1670 und 1865 gab es 130 bewaffnete Aufstände durch Sklaven. Trotzdem war der Weg aus dem Süden ins freie Kanada weit und beschwerlich.

Ab 1838 organisierten Gegner der Sklaverei die „Underground Railroad“ – einen Fluchtplan mit Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimen Kommunikationsmitteln. Diese Kommunikationsmittel waren u.a. eine Kombination von Steppdeckensymbolen und Gesängen und teilten Interessierten das Wann, Wo und Wie der organisierten Fluchten mit.

1849 entschied sich die damals 29-jährige Sklavin Harriet Tubman nach ihrer erfolgreichen Flucht dafür, Fluchthelferin bei der „Underground Railroad“ zu werden. Sie wurde zu einer Berühmtheit. Ihr Codename war „Moses“.

Die schlimme Zeit und der Weg zur Freiheit machte es notwendig, eine kodierte Sprache zu entwickeln. So wurde das Gebiet ohne Sklaverei mit „my home“, „Sweet Canaan“ oder „the Promised Land“ umschrieben. Dieses Gebiet lag auf der nördlichen Seite des Ohio River, den man in der verschlüsselten Sprache als „Jordan“ bezeichnete.

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Mit dem Wissen um diese verschlüsselte Sprache ist man in der Lage zu verstehen:

Die Flüchtlinge wateten durch das Wasser um die Hunde abzuschütteln („Wade in the Water“). Man sprang als blinder Passagier auf eine Kutsche („Swing Low, Sweet Chariot“). Die oben erwähnte Harriet Tubman findet man mit ihrem Codenamen in „Go down, Moses“ wieder. Oder die Spirituals wurden ganz einfach zu einem Ruf nach Freiheit und Auforderung zur Flucht („Steal Away“).

So spannend dies sich auch anhört: Die Spiritualtexte sind überwiegend religiösen Inhaltes und erzählen von dem Leben geschlagener, geschundener und sehnsüchtiger Menschen. Die Texte erzählen von der Hoffnung dieser Menschen und ihrem Glauben an Gott…

Die Sklaverei wurde 1865 offiziell abgeschafft. Einigen Afroamerikanern wurde es erlaubt, auf Schulen und Universitäten zu lernen. Die Fisk-Universität in Nashville (Tennessee) war eine der ersten schwarzen Universitäten und hatte das Problem chronisch pleite zu sein. Um die Institution finanziell zu unterstützen, wurden Musikgruppen gegründet, die in der ganzen Neuen Welt und in Europa Negro-Spirituals sangen.

Die fortwährende Veränderung der Spirituals und die Begegnung der schwarzen religiösen Musik mit Elementen des Jazz gebar einen neuen Typ von christlichem Song: Den Gospel („das Evangelium“)

Es gibt drei Unterschiede zwischen Spiritual und Gospel:

Die Spirituals sind echte Gruppenschöpfungen, während Gospel Songs in der Mehrzahl komponiert werden.

Die Bilderwelt des Spirituals entstammt hauptsächlich dem Alten Testament, während die Gospel Songs sich gewöhnlich auf den Leidensweg Jesu Christi und die Botschaft des Neuen Testaments beziehen.

Durch den Einbezug von Jazz-Elementen sind Gospels rhythmisch intensiver, zupackender, vitaler als die meisten Spirituals

Einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung von Gospels leistete Thomas A. Dorsey, Sohn eines Baptistenpfarrers und ehemaliger Bluesmusiker. Seine neue von ihm komponierte bluesige Kirchenmusik konnte auch in Noten verbreitet werden. Dies war bei den traditionellen Spirituals nicht möglich, sie wurden ja überwiegend mündlich überliefert. Thomas A. Dorsey, auch als Vater der Gospelmusik bezeichnet, komponierte über 800 Gospeltitel.

Auf einem Treffen der National Baptist Convention hörte er zum ersten Mal christliche Kompositionen von Charles A. Tindley (1851-1933), zum Beispiel „We’ll understand it better By and By“. Von da an begann er, religiöse Lieder zu schreiben, mit der musikalischen Erfahrung, die er aus seinen Blues Sessions wohl sehr reichlich gesammelt hatte. So entstanden Gospelklassiker wie „There’ll be Peace in the Valley“ oder „Take my Hand, Precious Lord“, die zum Beispiel als Interpretationen von Elvis Presley weltbekannt wurden.

Während die Spirituals meist unbegleitet, a cappella, erklangen, wurden die Gospelsongs durch Instrumente unterstützt. Anfangs nur mit Klavier und Tambourin, in den 1950er Jahren mit Hammond-Orgel, elektrischen Gitarren und Drums. Schließlich werden heute aufwendige Gospelproduktionen mit ganzen Orchestern und aufwendiger Computer-Studio-Technik produziert. Eine der erfolgreichsten Interpreten traditioneller Gospelsongs ist die „Queen of Gospel“ Mahalia Jackson. Sie war es, die vor Dr. Martin Luther Kings weltberühmter Rede „I have a Dream“ seinen Lieblingssong „Take my Hand, Precious Lord“ vor Hunderttausenden Zuhörern am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington sang.

Seit den Zeiten der Bürgerrechts- und Friedensbewegung in den 1960er Jahren unseres Jahrhunderts erfüllten Gospelsongs immer mehr die Funktion, die Einigkeit und Entschlossenheit der Protestierenden gegen Krieg und Unrecht in der Welt zu artikulieren.

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Beispiel: „We shall Overcome“ – Wir werden es eines Tages geschafft haben. Ein Song, der geradezu zur Hymne der Friedensbewegung in den USA und weltweit wurde.

Es war auch die Periode, in der Gospelsongs es erstmals auch in die Hitparaden der Radiostationen schafften. Die Plattenfirmen wurden aufmerksam auf das Geschäft, das mit Gospel Musik zu machen war, und verhalfen dieser durch ihre Werbung zu nochmehr Bekanntheit und Erfolg.

Beispiel: Von „Oh Happy Day“ verkauften die Edwin Hawkins Singers 1969 zwei Millionen Singles. Dies war der erste große Chartdurchbruch für einen Gospelsong.

Gospel Musik ist eine Form der christlichen Musik, die mit einer reichen und abwechslungsreichen Geschichte durch ihre intensive spirituelle Qualität bis heute eine stetig wachsende Anziehungskraft auf Musiker, Sänger und Zuhörer ausübt.

 

Gospel – Geschichte der Negro Spirituals und der Gospel Songs

 

Die Geschichte der Gospels ist stark mit der Geschichte der Afro-Amerikaner gekoppelt. Hier gibt es drei wichtige historische Meilensteine:

 

1865: Abschaffung der Sklaverei
1925: die schwarze Renaissance
1985: der erste Martin-Luther-King Tag.

Vor 1865

Beinahe alle der ersten Afrikaner, welche die Neue Welt erreichten, waren Sklaven. Sie kamen von verschiedenen Regionen der afrikanischen Westküste.
Sie mussten in den Städten oder in der Landwirtschaft arbeiten.

Einige Christen versuchten gegen die Sklaverei anzugehen, die Sklaven durften sich wenigstens zu Gottesdiensten zusammenfinden.

Die Sklaven auf den Plantagen pflegten bei den Gottesdiensten in den Kirchen oder den “praise houses” zu Singen und zu Tanzen. Die, als heidnisch verdächtigten, Trommeln wurden den Sklaven verboten. Die rhythmische Begleitung wurde das Klatschen und das mit den Füßen stampfen.

Zu den kirchlichen Treffen für Gottesdienste gab es auch geheime Treffen (“camp meetings”, “bush meetings”) um gemeinsam Freud, Leid und Hoffnungen zu teilen.
Auf solchen Treffen auf dem Lande hörten Tausende von Sklaven herumziehende Prediger und sangen Spirituals über mehrere Stunden. Die ersten Spirituals des späten 18ten Jahrhunderts nannten sich “corn ditties” („Mais-Liedchen“).

In den ländlichen Gebieten wurden die Spirituals zumeist außerhalb der Kirchen gesungen. In den Städten wurde Mitte des 19ten Jahrhunderts von der protestantischen City-Revival Bewegung ein neues Lied-Genre kreiert, das in den Zelten für ihre Wiedererweckungstreffen zum Mitsingen einlud.
In den Kirchen sang man Hymnen und Psalmen während der Gottesdienste. Einige wurden auf typisch afro-amerikanische Weise verändert, sie hießen “Dr Watts”.

NEGRO SPIRITUALS und WORK SONGS
Während der Sklaverei und auch später war es den Arbeitern erlaubt bei der Arbeit zu singen. Dadurch gelang es den Arbeitsablauf besser zu koordinieren. Gefangenen sangen einen Ketten-Gang ( “chain gang”) bei der Arbeit an den Straßen. Einige Sklaventreiber ( “drivers”) erlaubten den Sklaven auch stille Lieder ( “quiet songs”) zu singen, solange diese sich nicht gegen die Sklaverei wendeten. Diese Lieder dienten der Aufmunterung oder dem Ausdruck von Gefühlen.

Während die “work songs” nur von dem täglichen Leben der Sklaven handelte, waren die Spirituals von der Botschaft von Jesus Christus und seiner Guten Nachricht in den Evangelien ( Gospel ) inspiriert. Sie unterschieden sich von den herkömmlichen Kirchenliedern in der Art wie sie das gemeinsam empfundene harte Schicksal der Sklaverei widerspiegelten.

Viele Sklaven versuchten in ein freies Land ( “free country” ) in Amerika ohne Sklaverei zu fliehen. Die Sklaverei machte es notwendig, bestimmte Dinge nicht offen auszusprechen. In der verschlüsselten Sprache der Sklaven hießen die Gebiete ohne Sklaverei: “my home” oder “Sweet Canaan”, “the Promised Land”. Diese Land war auf der nördlichen Seite des Ohio, den man in der verschlüsselten Sprache “Jordan” nannte. Eine Fluchthilfeorganisation, die „Underground Railroad” half den Sklaven zu entkommen.

NEGRO SPIRITUALS und die UNDERGROUND RAILROAD
Die Underground Railroad (UGRR) half Sklaven zur Flucht in ein freies Land. Ein Flüchtling konnte verschiedene Wege wählen. Diese Wege wurden in verschiedenen Spirituals verschlüsselt erwähnt. Dadurch wurden die Spirituals auch zu einem Ruf nach Freiheit (“Steal Away”). Die Flüchtlinge wateten (“waded”) durch Wasser um die Hund abzuschütteln (“
Gospel: Wade in the Water”). Sie mußten nachts mit Lampen oder im Mondlicht gehen. Oder man sprang als blinder Passagier auf eine Kutsche (“Swing Low, Sweet Chariot”). Eine bekannte entkommene Sklavin war Harriet Tubman, die in der Underground Railroad den Kodenamen Moses bekam (“Go down, Moses”)

Zwischen 1865 und 1925
Die Sklaverei wurde 1865 abgeschafft. Einigen Afro-Amerikanern wurde es erlaubt, auf Schulen und Universitäten zu lernen. Die Fisk-Universität war eine der ersten schwarzen Universitäten in Nashville (Tennessee). Um die Institution finanziell zu unterstützen, wurden Musikgruppen gegründet, die in der ganzen Neuen Welt und in Europa Negro-Spirituals sangen (Fisk-Jubilee-Singers).

Die meisten Afro-Amerikaner wollten, kurz nach der Abschaffung der Sklaverei, nicht mehr durch Negro-Spirituals an ihre harten Zeiten erinnert werden.
Gegen Ende des 19ten Jahrhunderts bildeten sich neue Kirchen in den USA, in denen die Traditionen der schwarzen “praise houses” mit in die Hände klatschen und mit den Füßen stampfen weiter geführt wurden.

Etwa zu dieser Zeit begannen sich auch Komponisten und Textdichter mit den Spirituals zu beschäftigen. Die bislang ohne schriftliche Fixierung überlieferten Songs wurden neu arrangiert und einige Songs bekamen sogar ein Copyright.

Zwischen 1925 und 1985
In den 20er Jahren des 20ten Jahrhunderts entstand eine poetische und musikalische Bewegung der Schwarzen in Amerika, die als Black Renaissance bezeichnet wird.
Zum ersten mal besannen sich die Afro-Amerikaner ihrer Geschichte, ihrer Werte und Traditionen.
Die historischen Bezüge von Spirituals wurden stärker betont und die Art und Weise des Singens und der Interpretationen verbessert.

Die fortwährende Verbesserung der Spirituals gebar einen neuen Typ von christlichen Songs. Inspiriert von der Bibel (besonders von den Evangelien) und dem täglichen Leben wurden sie Gospel-Songs genannt. Thomas A. Dorsey war der erste Komponist solcher Gospels. Man nennt Dorsey den Vater der Gospel-Music.
Auf diesem Wege wurden Gospels auch im Norden der Vereinigten Staaten von Amerika populär.

Zwischen 1915 und 1925, wurden Gospels auch an anderen Orten als Kirchen aufgeführt. Gospel eroberte Theater und Konzerthallen.

In den 50ern und 60ern, während der Bürgerrechtsbewegung wurden einige Spirituals sehr bekannt. “We Shall Overcome” und “This Little Light of Mine” sind Beispiele dazu.

Nach 1985
Der erste Dr  Martin Luther King’s Tag wurde 1985 gefeiert. Der Tag wurde Nationalfeiertag im Jahr 1992. Die afro-amerikanische Bevölkerung wurde Teil der US-Amerikanischen Nation. Schwarze Geschichte und Kultur bekamen offizielle Anerkennung und Gospels werden zu allen möglichen Ereignissen aufgeführt.

Die Gospelmusik – Geschichte und Entwicklung

Micha Keding

Um die Entstehung und die musikalischen Merkmale der Gospelmusik zu verstehen, muss man sich die Geschichte der Afroamerikaner in der Sklavenzeit und in der Entwicklung ihrer Kirchen vor Augen halten.

Bereits portugiesische und spanische Eroberer brachten leibeigene Diener, die aus ihren afrikanischen Kolonien stammten, mit in die „Neue Welt“.
Das erste Schiff mit 20 afrikanischen Sklaven erreichte 1619 Nordamerika. Seitdem wurden unzählige Afrikaner verschleppt und mit Waffengewalt zum Sklavendienst gezwungen. Es gab nichts, was sie mitnehmen durften und konnten außer Teilen ihrer Kultur – der wesentliche Teil ihrer Kultur war die Musikalität. Die Afrikaner konnten sich z. T. noch nicht einmal untereinander verständigen, da sie bewusst getrennt wurden und aus unterschiedlichen Stämmen mit unterschiedlichen Sprachen kamen. Es gibt viele Berichte, in denen davon erzählt wurde, dass die „negars“ auf den Schiffen Lieder sangen: traurige, sehnsuchtsvolle Lieder aber auch mutmachende Melodien.1
Die Sklaven wurden hauptsächlich als Arbeitskräfte auf Plantagen eingesetzt. Die Anzahl der Afrikaner, die nach Amerika gebracht wurden, kann nur geschätzt werden. Die Geschichtsbücher nennen kurz vor der Zeit des Bürgerkrieges 1861 eine Zahl von 15 Millionen schwarze Sklaven auf dem gesamten amerikanischen Kontinent.2

Das emotionale Singen und das Tanzen der Sklaven bei der Arbeit und bei Versammlungen war wie in afrikanischen Riten ein lebensnotwendiger Ausdruck ihrer Identität. Ein wesentliches Merkmal dieses Gesanges war der „Shout“, ein expressiver, gewissermaßen geschrieener Gesangsstil. Auch als „Ring-Shout“ bekannt standen die Sklaven dabei im Kreis, tanzten, klatschten und scharrten mit den Füßen („Shuffle“) zu einer rhythmischen Melodie, die im Wesentlichen nur aus einem Rezitationston und einigen Nebentönen bestand.3

Ein weiteres Merkmal war das Steigern des Gesanges in immer höher werdende Tonlagen. Bei Männern war das Singen im Falsett in der afrikanischen Tradition ein Zeichen von höchster Potenz.4

Das Singen fand auch während der Arbeit statt. In den „Worksongs“, „Calls“ oder „Cries“ ging es vor allem um das gleichmäßige Ausführen bestimmter Bewegungsabläufe der Arbeitenden und das Erleichtern von physischer Arbeit durch emotionale „Arbeit“, nämlich durch das Singen. Auch das Herbeirufen der Arbeiter zum Essen oder das lautstarke Anbieten der Ware auf dem Markt geschah in dieser halb gesprochenen, halb gesungenen Form.
In den Worksongs gab ein Vorsänger den Rhythmus und die Melodie an, die dann von allen anderen aufgenommen wurde. A. M. Dauer nennt auch die afrikanische Anschauung, dass die Kraft herbeigesungen wurde, die die eigentliche Arbeit leistet.5
Diese Gesänge hatten je nach Tätigkeit verschiedene Namen wie u.a. „Field hollers“, „Road songs“, „Picking songs“ oder „Street cries“.6

Es gab noch andere musikalische Formen unter den afroamerikanischen Sklaven wie „Folk Songs“, „Prisoners Songs“ oder „Ballads“, aus denen sich der „Blues“ entwickelte. Ursprünglich war der Blues ein improvisierter Stegreifgesang, der solistisch ohne Harmoniewechsel gesungen wurde. Textlich ging es im Blues oftmals um das Beklagen und Beschreiben der schlechten Lebenssituation.7

All diese Musikformen haben eines gemeinsam: Die aus der afrikanischen Polymetrik stammende starke Rhythmik und die Betonung der „off-beats“, den Schlägen, die zwischen den Grundpulsen liegen und den Gesang vorantreiben. Wesentliches Merkmal ist die Erregung, die durch die Gesangsweise hervorgerufen wird und nicht selten zur Ekstase der Singenden führt.

Die Sklavenhalter versuchten schon früh die Sklaven nach ihrem weißen Ideal zu „zivilisieren“. Das glaubten sie zu erreichen, indem man die Schwarzen unter anderem zum christlichen Glauben bekehrte. Mithilfe der Bibel wollte man die Sklaven auch zur Unterwürfigkeit erziehen.8
Ende des 18. Jahrhunderts entstand eine sogenannte Erweckungsbewegung, in der Weiße wie Schwarze in großen Versammlungen bekehrt werden sollten. Bedeutend waren dabei die Methodisten und die Baptisten, die Freiversammlungen („Camp-Meetings“) veranstalteten und viele Menschen zum christlichen Glauben führten.9
Warum die Sklaven die weiße Religion so schnell aufnahmen, obwohl sich dadurch nichts an ihrer Situation änderte, ist nicht eindeutig belegt. Die Betonung der Freiheit und der Gleichberechtigung aller Menschenrassen in der Bibel werden häufig als ein Grund angesehen. Ein Beleg dafür können die vielen Sklavenaufstände sein, die von schwarzen Predigern angeführt wurden. Viel stärker noch kommt die Hoffnung auf ein besseres Leben, das „ewige Leben“, in den Liedtexten der Gospelsongs zum Ausdruck, so dass gesagt werden kann, dass den Sklaven die christliche Botschaft ein Leben „im Himmel“ verhieß, das ihnen eine Hoffnung im unerträglichen Leben auf der Erde gab. Außerdem identifizierten sich die Schwarzen sehr stark mit dem Volk Israel aus dem Alten Testament, das sich aus der Sklaverei in Ägypten befreien ließ.10

Auf den ersten Camp Meetings wurden Psalme und Choräle gesungen. Diese waren langsame und getragene Melodien, die vom Prediger vorgesungen und von der Menschenmenge nachgesungen wurden. Die meisten Schwarzen waren von dieser emotionslosen Musik nicht angetan. Sie begeisterten sich eher für die Lieder von Charles Wesley, dem Begründer der Methodistischen Kirche. Hier wurden fließende und rhythmische Melodien gesungen. Die Sklaven brachten viel Leben in die „white hymns“, so dass sich eine Eigendynamik in den Liedern entwickelte.11

Auf dieser Grundlage bildeten sich vor allem auf dem Land im Süden Amerikas die „Negro Spirituals“ (wörtlich: Geistliche Lieder der Neger). Wesentliches Merkmal ist das aus den Shouts, dem Blues und den Psalmgesängen der Camp Meetings stammende Ruf-Antwort-Schema. Da die wenigsten Sklaven lesen konnten, wurden Liedtexte so eingübt, dass ein Sänger eine Phrase vorsang, die alle anderen nachsangen.
Das Schema fand sich auch, wenn ein Vorsänger Strophen zu einem Lied sang, in das alle anderen beim Kehrvers einstimmen konnten. Dieses Prinzip wird mit dem Begriff „Call & Response“ bezeichnet.
Die Negro Spirituals wurden einstimmig gesungen. Die Schwarzen übernahmen zunächst die Lieder der Weißen und entwickelten später eigene Melodien und Texte. Hierbei fällt gottesdienstlichen Versammlungen eine besondere Bedeutung zu. Neben festgelegten Liedern gab es Predigten, die, ähnlich wie die Calls und Cries, halb gesungen, halb gesprochen wurden. Sie animierten die Gemeinde zur Teilnahme in Form von Zurufen und Klatschen. Nicht selten entstand ein neues Lied, das sich aus der Predigt entwickelte. Grundsätzlich war jeder Teilnehmer in das Gottesdienstgeschehen einbezogen. Selbst in den Gemeinden, wo es einen Chor gab, diente dieser nur zur Animation, oder er sang im Call & Response Prinzip mit der Gemeinde.12

Gemeinsames Singen auf langen Tönen, das als „moaning“ bezeichnete Improvisieren war Berichten zufolge ohne jegliche musikalische Vorgabe, wurde rhythmisch frei ausgeführt und fing so unvermittelt an, wie es dann nach stundenlangem Zelebrieren auch wieder verebbte.13 Ganz allmählich entwickelten sich aus gemeinsamen Improvisationen feste Melodien.

Lieder entstanden spontan aus der Predigt heraus, indem die Gemeinde dem Prediger mit rhythmischen Zurufen antwortete und sich aus einem zentralen Satz der Predigt ein Wechselgesang formte und zu einem Lied wurde. Dabei zeichnete sich die Gesangsweise des Vorsängers durch starke Verzierungen aus.

Ab 1773 wurde den Afroamerikanern die Gründung von offiziellen „Neger-Kirchen“ erlaubt. Die Weißen versprachen sich dadurch eine Trennung von den Sklaven, die bis dahin häufig zu ihren Gottesdiensten gekommen waren.14 Diese Trennung unterstrich die Tatsache, dass das Vorhaben der Weißen, die Sklaven nach ihrem Vorbild zu „zivilieren“, misslungen war.
Zu diesem Zeitpunkt gab es schon eine eigene Musikkultur der schwarzen Christen. Um 1801 wurde erstmals ein Gesangbuch für schwarze Gemeinden veröffentlicht.15
Die Verbreitung der Lieder fand bis dahin nur durch die mündliche Weitergabe statt. Diese Liedkultur aus Afrika, wo eine Notenschrift nicht bekannt war, wurde auch lange Zeit weiter gepflegt, da die meisten Sklaven nicht lesen konnten.

Die Texte der Lieder waren nicht nur Ausdruck des Glaubens, sondern handelten oft in einer zweideutigen Weise von der politischen und sozialen Situation der Sklaven. Dieses sogenannte „double-talk“ ermöglichte den Austausch von geheimen Fluchtbotschaften während des Singens bei der Arbeit. Darin wurde die Freiheit im Himmel gleichgesetzt mit politischer Freiheit.16
Nach Leroi Jones waren „die autonomen religiösen Versammlungen christlicher Schwarzer der einzige Bereich in ihrem Leben, in dem sie sich emotional wie politisch so frei wie nur möglich ausdrücken konnten.“17

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die mehrstimmige Form der Negro Spirituals. Aus der afrikanischen Mehrstimmigkeit, die sich auf parallele Linien zur Melodie beschränkte, wurde ein europäisch geprägtes funktionales Harmonieschema. Auch wurde vielen schwarzen Christen alte Kirchengebäude überlassen. Diese waren von von zu groß gewordenen weißen Gemeinden, die sich neue Kirchenhäuser bauten. Die Afroamerikanischen Gemeinden erhielten mit den Gebäuden meistens Instrumente wie Harmonium oder Klavier dazu. Durch die Instrumente bekamen die Gesänge noch größeren Bezug zur europäischen Musizierweise und es wurden erstmals Kirchenlieder von schwarzen Musikern wie Charles A. Tindley komponiert.18

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine ideologische und wirtschaftliche Kluft zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten, die jeden Lebensbereich umfasste. Die größte Streitfrage zwischen ihnen war die Sklaverei. Während die südlichen Agrarstaaten daran festhielten, war für die industriellen Nordstaaten die Abschaffung der Sklaverei aus wirtschaftlichen Gründen unvermeidlich. Der Streit mündete schließlich in den Sezessionskrieg von 1861-1865 und endete mit der Niederlage der Truppen der Südstaaten. Der Kongress erklärte 1865 die Sklaverei in allen amerikanischen Staaten für abgeschafft.

Viele ehemalige Sklaven wurden arbeitslos. Die allgemeine wirtschaftliche Situation verschlechterte sich deutlich durch den Verlust der billigen Arbeitskräfte.19 Zahlreiche Hilfsorganisationen versuchten, den Freigelassenen eine Ausbildung zu ermöglichen und gründeten Schulen und Universitäten. Eine von ihnen war die Fisk University von Nashville, Tennessee. Ihr Gründer George White leitete einen kleinen Chor, in dem er mit den schwarzen Studenten Volkslieder und Negro Spirituals sang. Die „Fisk Jubilee-Singers“ hatten mit den konzertant gesungenen Spirituals aus der Sklavenzeit großen Erfolg und so gründeten sich mehrere kleine Gesangsgruppen im Stile der Fisk-Jubilee-Singers.20 Diese Lieder fanden große Verbreitung auch unter der weißen Bevölkerung. Die Leiter der Gruppen, die die Chorarrangements schrieben, waren meistens Weiße. Das führte dazu, dass die charakteristischen Modi der Negro Spirituals in die Richtung der klassischen Musik verändert wurden.

Unterdessen begann eine große Auswanderungswelle aus den ländlichen Gegenden der Südstaaten in die Großstädte. Das hatte zur Folge, dass die Negro Spirituals in den Städten Einzug hielten und mit anderen Formen des Jazz vermischt wurden.

Um 1900 gründeten sich neue sektenartige Religionsgemeinschaften aus einer Bewegung heraus, die den direkten Einfluss des Heiligen Geistes auf den Menschen betonte. Die sogenannten „sanctified churches“ oder „storefront churches“ wie die „Holy Church of God in Christ“ oder die „Pentacostals“ veranstalteten Gottesdienste, in denen spontane, geistgegebene Ausdrucksformen im Vordergrund standen.21 Emotionale Rufe, lautes ekstatisches Zungenreden, improvisiertes Singen und ähnliche Merkmale zogen viele Afroamerikaner an. Letztlich entsprach diese Art des Auslebens ihres Glaubens ihren afrikanischen Ursprüngen.

In dieser Periode gab es viele Gesangsgruppen, die sich „quartets“ nannten, obwohl sie meistens aus bis zu acht Mitglieder bestanden. Sie sangen vorwiegend Jubilee Songs, Hymns und traditionelle Spirituals. Beispiele dafür waren „The Hummingbirds“ oder „The Harmonizing Four“.

Die schwarzen Kirchen versuchten zunächst die Einflüsse des Jazz in ihre Musik zu unterbinden. Sie waren sich der gemeinsamen Wurzeln von Negro Spirituals und anderen Jazzformen bewusst. Jedoch wollte man sich inhaltlich distanzieren vom Jazz, der in Bordellen, Kneipen und Tanzschuppen gespielt wurde.
Doch die Entwicklung war nicht aufzuhalten. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts erhielt der Jazz besonders in den Städten Einzug in die immer größer werdenden Kirchen. Hier ist Thomas A. Dorsey zu nennen, der sich als Bluespianist unter dem Namen „Georgia Tom“ einen Namen gemacht hatte und in seiner Kirche in Chicago der musikalische Leiter war. Er komponierte vitale, swingend jazzige Lieder und trug sie mit Chor und Jazzband vor. Der Erfolg war so gewaltig, dass viele Gemeinden diesen Stil übernahmen.22

Mit dem veränderten Sound änderte sich auch der Name der Musik: Da sich die Texte mehr auf das Neue Testament bezogen (es gab keine Identifikation mehr mit dem versklavten Volk Israel) wurde nicht mehr vom Negro Spiritual sondern vom „Gospelsong“ gesprochen.23

Es gab im Amerika der 30er Jahre eine Unmenge von Gospelsängern und Gospelgruppen. Die bekannteste Gospelsängerin war Mahalia Jackson, die 1947 mit „Move On Up A Little Higher“ einen Kassenhit landete und damit die Verbreitung der Gospelmusik vorantrieb.24

Die Quartets sangen auch in diesem neuen Stil und ließen sich immer mehr von Instrumenten begleiten. Ihre Konzerte waren der Motor zur Verbreitung der Gospelmusik. Das bekannteste Quartet, dass später die Musik auch nach Europa brachte, war das „Golden Gate Quartet“.25

Mit der Gospelmusik verband sich weiterhin politisches Gedankengut, denn die schwarzen Gottesdienste blieben auch in den 50er Jahren ein Ort, in dem sich die Afroamerikaner so frei wie nirgends sonst ausdrücken konnten. Für den Austausch politischer Gedanken und Diskussionen war die Kirche der wichtigste Versammlungsort. Bürgerrechtsbewegungen gründeten sich häufig innerhalb der afroamerikanischen Kirchen, wie die größte Friedensbewegung ab 1955 unter dem Pastor Martin Luther King.26

Heutzutage gibt es die verschiedensten Formen afroamerikanischer Kirchenmusik. Je nach Geschichte und geographischer Lage reicht das Spektrum von Gemeinden, die die Tradition der Negro Spirituals pflegen bis zu Kirchen, die die europäische Musik ganz übernommen haben.
Je nach Region entwickelten sich andere Formen von Gospelmusik in der Synthese mit anderen Musikstilen, beispielsweise der Country- und Dixieland-Musik27 oder in neusester Zeit mit Rap und Hip-Hop-Elementen.

 

 

 

 

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